Zynikersanatorium
Ein Reigen voll bunter Melodeien

Metaphysische Doktorarbeit

Ich habe kurz überlegt, ob ich psychologische Profile der Frauen, die ich auf Singlebörsen sehe, erstellen sollte. Es taten sich zu große Abgründe auf.

„Ich mag keine schlechte Laune und gebe mich nicht lange mit schlechten Dingen ab.“

Das ist doch die Definition von Oberflächlichkeit, von Menschen, die Angst haben, die vermutlich traumatische Dinge erlebt haben, weswegen sie sie meiden, wie der Teufel das Kartoffelgitter. Es sind Menschen, die Angst haben vor Langeweile, so sehr, dass sie keine Minute mit sich allein sein können, dass allein schon der Gedanke daran sie panisch werden lässt!

„Ich bin kompliziert, ich mag meine Ecken und Kanten, du musst dich mit mir anfreunden, weil ich kompliziert bin, sag nicht du bist perfekt, denn dann bist du es nicht, sowie ich es nicht bin, die ich Ecken und Kanten habe, die Welt ist nicht perfekt, ich will nicht perfekt sein, ich liebe meine Ecken und Kanten, du bist vor ein Rätsel gestellt, du musst mich ergründen, du musst, du musst, du musst, ich bin nicht perfekt.“

Danke für die Warnung.  Und wenn ich mir so dein Profilbild ansehe, dann erkenne ich es auch:  Du kannst woanders deine Hipsterscheisse abziehen. Eine nervige Bitch zu sein, ist leider nicht wirklich attraktiv, schon gar nicht, wenn du so ’ne dämliche Duckfacefresse ziehst!

Ich habe kurz überlegt, ob ich ein psychologisches Profil von mir erstellen sollte. Dann habe ich darüber nachgedacht, was denn ein Profil sei:

Profil (frz. profil ‚Seitenansicht‘, zu ‚Schattenriss‘ aus lat. filum ‚Faden‘)“¹

Und das half mir nicht weiter, denn es ergibt keinen Sinn, oder etwa doch? Ein psychologischer Schattenriss? Ein Bewusstsein etwa, das in den Schatten entsteht, oder so ähnlich?
Es gibt viele Schatten in mir und das sind leider keine Halbschatten. Ach, was sag ich, das sind schwarze Löcher und sie absorbieren somit alles Licht, was dazu führt, dass ich, verdammt noch mal, nichts sehen kann!

„Der Widerstand der Kranken ist sehr mannigfaltig, höchst raffiniert, oft schwer zu erkennen, wechselt proteusartig die Form seiner Erscheinung.“²

Und wenn sie alle gemeinschaftlich ihr Gesicht verziehen, wenn sie alle krank sind und sich gegenseitig anstecken, dann fühlen sie sich behaglich und wohl. Sie sind der große Teil, die Pathologie der Normalität.³
Damit sind mir die Fußnoten auch ausgegangen. Aber so ist es vermutlich. Die Kranken, das sind oftmals auch die Gesunden, denke ich, aber was weiß ich. Alle sagen mir, ich sei krank.

So kam ich also auf einen ganz anderen Weg und ich habe darüber nachgedacht, warum ich mir ein Urteil über die blöden Bitches mache, die sich auf Singlebörsen herumtreiben. Denn schließlich ist meine Verzweiflung so groß, dass ich es auch tue, weil jeder es irgendwie tut, weil alle es tun. Und alle haben sie Sex und alle halten sie Händchen. Manche meinen, sie mögen keinen Sex, aber sie lügen, weil sie dämliche Sitzpinkler sind. Alle haben sie Sex und alle wollen sie Sex. Ich muss mir einen Charakter konstruieren, um an dieser Orgie teilhaben zu können. Leider bin ich schlechtes Schauspielermaterial. Eine Objektbeziehung herzustellen ist gar nicht so einfach, wenn die Anschlüsse irgendwie nicht kompatibel sind. Wenn alle Sex wollen, will ich auch Sex. Manchmal denke ich, ich bin der gebündelte Wille aller Menschen auf der Welt und plage mich zusätzlich mit der unerfüllten Sehnsucht dieser seltsamen Asexuellen, so sehr will ich an dem großen Treiben teilhaben; ich, als heteronormativer Cis-Mann, was auch immer, laut Genderforschern, das heißen mag. Vielleicht sind sie mir gar nicht so unähnlich… Doch, sie sind es schon, denn sie wollen die Ambivalenz und Differenziertheit einer, oder mehrerer Sachen opfern und ich durchschaue ehrlich gesagt noch nicht mal, wofür. Wenn keine Unterschiede mehr existieren, also wenn es nur noch das Gute gibt, woher zum Teufel wissen wir dann, was das Gute ist? Müssen wir es nicht an etwas messen können? Ich sage, was andere schon gesagt haben, aber es lebe der Unterschied!

Das war ungewohnt euphorisch von mir, fast schon gutmenschlich. Im Nachhinein ekelt es mich an, was aus mir geworden ist: der heteronormative Sexbesessene, oder so ähnlich. Und das Internet ist noch nicht mal ein halb so guter Ersatz wie ein Replikator auf dem Raumschiff Enterprise. Wir denken nicht humanistisch, sondern sagen es nur. Wir denken autoritär-humanistisch und nicht humanistisch-humanistisch. Wenn wir akzeptieren, dass wir einfach sind und es uns endlich mal egal ist, warum, dann hat auch Sex immer noch seinen Platz in der Welt. Wenn sie nur nicht immer so viel im Internet ficken würden. Und auf der anderen Seite haben sogar schon die Nerds meiner Generation echte Freundinnen. Da klingt schon wieder meine heteronormative Männlichkeit durch, aber das stört mich nicht. Es stört nur die, die in einer anderen Welt besser aufgehoben wären. Egal wo, nur Hauptsache nicht hier. Es lebe der Unterschied! Es lebe, es lebe. Das soll es: leben. Wenn wir Humanisten werden, dann soll es in erster Linie genau das: leben. Und wir können solcherlei Dinge erschaffen. Sodass sie dann auch kein Ding mehr sind, sondern lebendig. Dazu brauchen wir noch nicht mal tote Ideen, weil in uns das Leben ja schon ist und immer sein will. Es bedarf verdammt viel, um sich den Suizid zu trauen. Ich bekomme es auch nicht hin. Also ist es ja grundsätzlich in uns, das Lebenwollen. Und Sex macht Spaß. Wenn nur nicht so viele immer Sex haben wollten, vielleicht bliebe da etwas für mich übrig.

Ich habe es dann sein lassen einen psychologischen Schattenriss von mir zu erstellen. Das können nur andere, die physikalischer Unmöglichkeit trotzen und etwas Licht aus dem schwarzen Loch schmuggeln. Ich schaue mich einfach weiter in irgendwelchen Singlebörsen um. Ich denke nicht, dass sich drahtlos überträgt, was auch immer ich habe.

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1 http://de.wikipedia.org/wiki/Profil (29.7.2013)
2 Freud, Sigmund: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Wien 1916-1917 (Zweiter Teil, 19. Vorlesung)
3 Fromm, Erich: Die Pathologie der Normalität, hrsg. von Rainer Funk, 2005

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