Zynikersanatorium
Ein Reigen voll bunter Melodeien

Skizze einer Reittour

Wir galoppierten auf dem steinharten Inhalt einer Kohlroulade und die Gießkanne verschüttete unaufhörlich das getrennte Wasser auf uns. Erst wenn es zu spät ist, sieht es wer auch immer. Ein Gott? Natur? Oder aber ein seltsam großräumiges Fernsehstudio.

Den letzten Gedanken verbietet ein Anachronismus.

Darüber hinaus ist aber allen drei Parteien auch Absicht zu unterstellen.

Das Tote um uns und an uns flatterte im unregelmäßigen Wind, sodass der Klang des Flatterns, isoliert durchaus Freunde in einem Maschinenraum gefunden hätte. Beispielsweise neben dem Hämmern der Stampfmaschinen, oder der quietschigen Hydraulik anderer Geräte.

Nur Totes erzeugt diese Geräusche, nur Blutopfer bringen genau diesen Klang an unser Gehör, der neben dem alltäglichen Marktgeschrei unterging, bevor die Sonne überhaupt richtig aufgegangen war.

Unsere Rösser hätten sich lieber in eine fleischige Roulade gelegt, anstatt den harten Stein abzuklappern, aber so hatte nun mal die Welt ihren Lauf genommen: Die fleischigen, weichen Rouladen essen wir; auf den steinernen, wie Teig gerollten, gehen wir.

Mein Ross war fast unmerklich schneller im Galopp. Das äußerte sich dadurch, dass nach einer kurzen Phase synchronen Aufsetzens der Hufe beider Pferde, jene Phase begann, sich leicht zu verschieben, bis sie bald wieder synchron waren. Andererseits hätte auch ihr Pferd das schnellere sein können, heute weiß ich das nicht mehr so genau.

Alsbald wich die filzige, verschmutzte Wolldecke einem klaren Blau und ich hatte den Eindruck, die Atmosphäre war wieder dünner geworden. Kurz zuvor hatte ich nämlich gelesen: Das große Ozelot-sterben hatte wieder eingesetzt.

Schmutz allerdings, oder sollte ich sagen Dreck, schwarzer, rußiger Dreck ist nicht totzukriegen. Selbst, wenn er aus dem Himmel verschwand, dann lebte er immer noch in den Gesichtern dieser verbitterten und sexuell frustrierten Stadtbewohner weiter, die ihre Libido durch die Kunst der Herstellung eines perfekten Apfelstrudels sublimierten. Überhaupt war hier alles Sublimation! Die Häuser größer, als einer sie gebraucht hätte, und viele standen leer, waren Ruinen. Und der Kirchturm in der Stadtmitte war ein Phallus von enormer Größe. Sublimation überall, Verkünstelung überall! Alles war irgendwie verziert, verschnörkelt in feinster Handarbeit in toten Stein gemeißelt. Alles hier war Kunst, die direkt den Geschlechtsorganen entsprungen war.

Der Verzicht bringt wahrhaftige, doch leider tote Schönheit hervor. Andererseits wäre die Alternative einer kleinen Strohhüttensiedlung für das fremde Auge eher belanglos, ja wirklich langweilig gewesen. Unsere Rösser ritten ohnehin ungern auf den, in solchen Siedlungen üblichen, festgepressten Zimtstraßen.

Die steinerne, der menschlichen Ingenieurskunst entsprungene Straße, das ist die Zukunft! Zumindest, insofern sie nicht voller Schlaglöcher und uneben ist. So mancherorts habe ich mir einen Arsch aus Stein erreiten müssen, ehe die Reisen auf solchen Beleidigungen der menschlichen Schöpferkunst erträglich waren. Wir reden aber hier von einer Stadt, die vor Sublimation geradezu so sprühte. Es war, als hätte man ein zehn Meilen tiefes Fundament ausgehoben, um die Straßen hier zu platzieren, ehe man Millimeter genau Stein an Stein legte und die Reitwege mit einem Zement übergoss, der einer bestimmten Art von Erbrochenem gleichkam. Diese schwülstige Prüderie steckte uns an. Meine Begleiterin verdeckte ihr Dekolleté mit dem flatternden Toten, da viele der Bewohner solch einen Ausschnitt und gleichzeitig eine Frau, die wie ein Mann reitet kaum ertragen konnten.

Obwohl diese Eindrücke noch viele weitere Seiten füllen könnten, wirkten sie damals in kürzester Zeit auf uns, natürlich gänzlich ohne Worte. Ich denke nur viel in Worten, wenn mir langweilig ist. Wir hatten die kleine Stadt schon lange bevor selbst der schnellste Leser diesen Absatz hier erreichen könnte hinter uns gelassen. Im selbstsicheren Galopp geht so etwas schnell. Noch schneller hatte meine Begleiterin wieder ihr unnatürlich großes Dekolleté entblößt. Das Reiten musste ihr damit eine Last sein, aber sie war äußerst hart im Nehmen. Es ist unglaublich schwer, diese Frau im üblichen Dialog zu charakterisieren. Man sollte mich dabei nicht falsch verstehen: Sie spricht ungefähr zwölf Sprachen. Damit stehe ich mit meinem Latein, meinem Französisch, Hebräisch und natürlich meiner Muttersprache wie ein ungebildeter Trottel da. Das Problem ist nur: Sie spricht äußert selten und wenn, dann eher in kurzen Ausrufen, die Fragen nach allgemeiner Befindlichkeit etc. beantworten sollen. Charakteristisch für sie sind nur ganz seltene Äußerungen, wie beispielsweise:

Ich glaube es geht da lang.“

Da fragen sie lieber meinen Begleiter.“

…ist nur meine Meinung.“

Je ne suis pas sûr.“ (Sie sprach immer in sehr korrektem Französisch. Selten verschlang sie Wörter wie man es hier beispielsweise mit dem „ne“ hätte machen können. Es gab ihr, glaube ich Sicherheit, denn die spärlichen Äußerungen hoben eher ihre Unsicherheit hervor.)

Viel mehr gaben ihre Taten weit mehr Aufschluss über ihren Charakter. Da wäre zum einen ihr eben erwähntes Dekolleté, dass sie zumeist als Schild vor sich hertrug, um ihr Umfeld einzuschüchtern. Es steigerte so ihr eigenes Gefühl von Sicherheit. Bloß in diesem kleinen Städtchen hat die kollektive Prüderie über ihre Oberweite gewonnen. Viele missverstehen nämlich solche Akte (das Entblößen, nicht das Verdecken) als eine Art Selbstvertrauen und Selbstsicherheit, obwohl es gerade Unsicherheiten zu verstecken droht. Sie legt es regelrecht darauf an, die Männerschaft von ihren Augen abzulenken, denn Augen verraten viel!

Ich bin schon beinahe zu lange mit ihr unterwegs. Lange genug, um fast jeden ihrer Blicke zu kennen und analysiert zu haben. Dabei war es nicht sinnvoll ihren Blick zu deuten, wenn sie mich ansah, denn ich gab ihr, der Teufel weiß warum, immer ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, sodass sie alle Ängste vor mir fallen ließ, zu meinem Unglück auch die ein oder andere gesellschaftliche Konvention. Nein, ihren Blick zu deuten, wenn andere es schafften (in diesem Fall Männer) ihren Schild zu durchdringen und ebendiesen Blick einzufangen, das war für mich immer am Aufschlussreichsten. Nämlich gerade weil sie ihn immer abwandte, entdeckte ich ihre unglaubliche Schüchternheit Fremden gegenüber, die viele genital gesteuerten Männer allzu häufig als ein Spiel mit ihren Reizen fehl deuteten. Um vorzubeugen, dass man eher mir diese Fehlinterpretationen unterstellt, muss ich wohl den Moment beschreiben, als ich unumstößlich erkannte, dass es sich wirklich bloß um Schüchternheit handeln konnte.

Es war eine Situation, die bis jetzt nur einmal so stattgefunden hatte, was aber einer eher ungewöhnlichen Begegnung verschuldet war. Ein Mann schien sich wohl unsterblich in sie verliebt zu haben. Es liegt schon Jahre und tausende von Meilen zurück, aber ich empfand ihn als genauso aufdringlich, wie sie es tat. Er beschenkte sie mit allerlei Dingen (Geld hatte er genug als reicher Kaufmannssohn), von denen manche mehr Nutzen aufweisen konnten, als andere und versuchte vergebens, sie darum zu bitten, mit ihm auszugehen.

Es war in einem der beiden Gasthöfe, als er uns beide aufsuchte und vor einer großen Gruppe (denn diese Kneipe war prall gefüllt mit allerlei Männern und Frauen und Fremden) seine Liebe zu ihr kundtat und, wie so wenige es vor ihm fertig brachten, ihr tief in die Augen blickte, um vermutlich auch nur den kleinsten Funken erwiderter Liebe zu finden. Als sie dieses mal ihren Blick abwandte, hatte sie das Unglück, mir in die Augen zusehen und fiel mir ohne Vorwarnung um den Hals, um mir so unmerklich wie möglich zuzuflüstern: Rette mich vor diesem Kerl!

Dabei zitterte ihre Stimme unglaublich stark und sie packte mich mit ihren zittrigen Händen und küsste mich.

Ihr Verehrer war darüber nicht gerade erfreut, aber es erfüllte seinen Zweck. Über diesen Abend sprach sie natürlich nie wieder, aber er war mir der Schlüssel zum Verständnis ihres ganzen Seelenlebens, das sich seit jeher auf Angst und Unsicherheit gründete. Es erklärte mir auch, warum sie mich all die Jahre begleitete. Anscheinend sah sie in mir die einzige Person, welche sie vor dem Rest der Welt schützen konnte. Ich kann auch mit Stolz zugeben, dass ich ihr Seelenleben nie für meine Zwecke ausgenutzt habe.

Ich schätzte ihre Gesellschaft ja auch. Nicht nur wegen ihrer ruhigen und schüchternen Art, nein, sie war ebenso gut im Schießen, wie sie im lesen alter sumerischer Keilschrift war. Eine der maßgeblichen Übersetzungen des Enuma Elisch hätte von ihr stammen können, wenn man einer Frau damals gestattet hätte, Bücher zu veröffentlichen. Es ist meiner Meinung nach immer noch die beste und sprachlich schönste Übersetzung des babylonischen Schöpfungsmythos, die es gibt. Aber die Zeit hat sich schon einige wertvolle Dinge unter den Nagel gerissen.

Während unserer Reittouren lernte ich allerdings ihre Schießkunst weit mehr zu schätzen. Zum einen rettete sie mir ein paar Tage nach dem bedeutungsvollen Ereignis im Gasthof damit das Leben, zum anderen ersparte sie uns mit der Demonstration ihrer Treffsicherheit (sie schoss mit einem Colt aus hundert Meter Entfernung einen Apfel vom Baum) so einige Händeleien. Ich war natürlich auch bewaffnet, das war wohl jeder zu dieser Zeit, in dieser Gegend, aber die Waffe diente eher als Abschreckung, weil ich mir selbst in den Fuß geschossen hätte, wenn ich sie auch nur aus dem Halfter entfernt hätte. Der blonde Jüngling stellte uns natürlich nach. Ein ehrenvoller Mann war er jedenfalls nicht gewesen, da uns während eines langsamen Rittes durch den Wald, besser gesagt mir, nach kurzer Zeit ein paar Kugeln um die Ohren flogen. Jener eifersüchtige Blonde sah mich wohl als Rivalen, wurde aber, als ich vor Schreck vom Pferd gefallen war und er mich mit dem seinen zertrampeln wollte auch von seinem Ross getrennt. Angebrachter wäre es, zu sagen: Vom Pferd geschossen. Der Schütze war natürlich meine Begleiterin. Sie hatte aus dem Ritt heraus ein bewegliches Ziel von einem Pferd geworfen, das mindestens dreißig Meter entfernt war.

Ja, unsere Beziehung war in manchen Punkten sehr paradox. Ich pflege durch mein Wissen über die unbewussten seelischen Vorgänge im Menschen und über die alten Philosophen bis hin zu Spinoza zu überzeugen. Waffen und Technik waren mir fremd. Und doch verhalf ich meiner Begleiterin zu Vertrauen und Stärke, die ihrerseits Schüchternheit und Unsicherheit genau in jenen Momenten überwand, als ich sie am meisten brauchte. Sie wiederum war jedem Mann sowohl im Schießen als auch an Intelligenz überlegen, brachte aber einen, zwar nicht unbehaglichen, doch ungewöhnlichen Mutterinstinkt mir gegenüber auf, der mich mit allen Mitteln vor Übel schützen sollte. Dabei war sie gerade mal halb so alt wie ich.

Als sie mir wieder aufhalf, war das Pferd des Jünglings schon längst fort. Nur mein treuer Schimmel hatte den Mut in sicherem Abstand auf mich zu warten. Der blonde Kerl selbst lag nur ein paar Schritte neben mir und rührte sich nicht mehr. Meine Anmerkung über das tödliche Temperament ihrer Verehrer nahm sie nicht mit wohlwollen auf. Dafür küsste sie mich auf die Wange, wie man einen Vater auf die Wange küsst, als ich wieder auf beiden Beinen stand. Ich war, glaube ich, damals schon zu alt für derlei Abenteuer.

Den Toten würdigte sie keines Blickes, aber sie konnte ihn ja auch zu Lebzeiten nicht sonderlich leiden.

Nun aber ritten wir durch das gesamte Hinterland hindurch, als wir dieses vor Prüderie triefende Dorf hinter uns gelassen hatten.

*

Seit man die Menschen aus dem Paradies vertrieben hat, weil ihre Vernunft sie eines besseren belehrt hatte, sind sie dazu verdammt, ewige Wanderer zu sein. Sei es Abraham, oder König Artus; sei es Faust, der wie kein zweiter nach der Weisheit letzter Schluss suchte, oder gar Molloy. Oh, ich entschuldige mich für diesen Anachronismus.

Als der Mensch der ewigen Wanderung und mitunter Raserei überdrüssig wurde, da suchte er sich Heimat zu bauen. Doch sowohl die Bewohner Babylons wurden bestraft, weil sie die Verehrung des Lebens zugunsten des Erfindertums opferten, als auch viele andere großen Zivilisationen. Vorrangig wohl deswegen, weil sie, um ihre patriarchalische Gesellschaft zu bewahren ein Bündnis mit der Macht eingingen. Aber es gibt nur zwei Dinge die man mit der Macht tun kann: Entweder man hat sie, oder man unterwirft sich ihr. Beides ist aber nie von Dauer.

Da wir dem langsamen Fortschritt, den uns ein Fuß vor den anderen zu setzen, bringt, nichts abgewinnen können, galoppieren wir, reiten wir. Ebenso tun wir dies, man verzeihe mir die ungewöhnliche Metapher, auch im Geiste. Mein Begleiter ist wohl der brillanteste Psychoanalytiker, den ich kenne. Aber er könnte nicht eine Minute ohne mich in der Welt außerhalb seines Genies überleben. Der Spruch des Volksmunds: Er hat zwei linke Hände, trifft voll auf ihn zu. Ich habe jedes mal unheimliche Angst um ihn, wenn er auf seinen Revolver (eine halbzerfallene Smith & Wesson) zeigt, um seine Drohgebärde aufzubauen. So irrational der Glaube ist, aber manchmal denke ich, er müsste nur den zerkratzten Perlmuttgriff mit der Fingerspitzen berühren, um einen unbeabsichtigten Schuss zu lösen. Trotz allem besteht er darauf, die Waffe zu tragen. Die Munition will er leider auch nicht hergeben. Das sind die Momente, in denen ich eher einen griesgrämigen Großvater in ihm sehe, denn einen Begleiter. Aber um ehrlich zu sein: Ich brauche ihn wohl genauso. Es gibt keinen Menschen, dem ich mehr Vertrauen entgegen bringen kann, als ihm. Er beschützt mich auf eine intellektuelle, psychologische Weise, wie es sonst niemand kann. Meinen Körper kann ich selbst verteidigen, genauso wie seinen, denn dazu ist er selten in der Lage. Meinen Körper kann ich genauso gut als Waffe nutzen, denn es ist nichts schwieriges dabei, seine Reize zu seinem Vorteil zu nutzen, solange niemand versucht dahinter zu blicken.

Es ist ja nichts ungewöhnliches dabei: Männer bleiben nun mal immer Kinder, das gilt auch für einen brillanten Mann, wie ihn. Dass ich mich meiner Mutterinstinkte gegenüber ihm nicht erwehren kann, ist nicht selten. Aber ich liebe ihn nicht, zumindest nicht, wie man einen Liebhaber liebt. Eher wie einen Vater, einen alten, stolzen Mann, der niemals zugeben würde, Hilfe zu benötigen, sie aber unbewusst nicht ausschlägt.

Ich schätze, selbst der größte Psychologe durchschaut diese Tatsache noch nicht ganz.

Und da er mir wie ein Vater ist (denn meiner starb, ehe ich es überhaupt bewusst mitbekommen konnte), kann ich ihm mein Innerstes ohne Furcht zeigen. Er nahm seine Rolle vom ersten Tage an. Aus diesem Grunde hat er mich nie verurteilt, ganz gleich, was er in meinen tiefsten Seelengründen vorfand. Das ist etwas, dass niemals jemand vor ihm tat. Noch nicht mal meine Mutter, die immer die Konkurrentin in mir sah, nie die Tochter. Ich war froh diesem Gefängnis entflohen zu sein. Jeder vernünftige Mensch zieht das Umherwandern auf der Suche nach der Wahrheit und der Liebe einem Elternhaus vor, in dem er nicht willkommen ist.

Auf den steinernen, matschigen, schleimigen, hölzernen Wegen, auf denen wir reiten, fand ich mehr Erfüllung, als mir die Kindheit und das Erwachsensein in einer lieblosen Umgebung je hätte bieten können. Ich verdanke das alles dem Professor. Er hat mich gelehrt, dass Glück nur in der Suche nach der Verwirklichung meiner mir innewohnenden Kräfte entsteht.

*

Anmerkungen E.F.:

Vor uns liegen die Protokolle der Hypnosesitzungen, die ein zweiter Therapeut mit dem Patienten abgehalten hat. Sie wurden zusammen getragen und Unwesentliches wurde entfernt. Trotz der fragwürdigen Ergebnisse, die Hypnose zutage fördern kann, sind diese Protokolle eine wirkliche Bereicherung im schwierigen Fall des Patienten geworden. Seine „anachronistischen“ Äußerungen, genauso wie das bewusst werden dieser, geben Anlass zur Vermutung, dass er seine Kräfte noch nicht völlig von der Außenwelt abgezogen hat.

Die Übertragung hat dergestalt stattgefunden, dass der Patient sich in seiner Welt große Anteile des behandelnden Therapeuten (also mir) angeeignet hat, mit der er seine Person in seiner Welt (vermutlich befindet er sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts) charakterisiert. Dabei ist es erstaunlich, wie viel fachrelevantes Wissen er sich aneignen konnte und in der Person des „Professors“, wie er sich bezeichnet, ausdrückt. Auch diese Tatsache stützt die Hypothese, dass er sich noch nicht völlig von seiner Umwelt abgesondert hat.

Ein höchst seltsamer Punkt ist aber seine Begleiterin, die zwar Aufschluss über sein Frauenbild gibt, jedoch lässt sich weder durch die Sitzungen, noch durch diese Protokolle eine Motivation für die Kreation dieses zweiten Charakters finden. Die üblichen Formen der gespaltenen Persönlichkeiten sind auszuschließen, da er nur unter Hypnose aus der Sicht der anscheinend blonden, großbrüstigen und sehr unsicheren Frau spricht. Trotz allem ist sie der einzige Charakter in seiner Welt, der Zweifel ausspricht und unter ihnen leiden kann. Seltsam ist weiterhin auch die Bewunderung, die der „Professor“ ihr entgegenbringt. Er betont zwar die rein platonische Art der Beziehung, kann aber nicht ganz überzeugend über manche libidinösen Tendenzen hinwegtäuschen. Die ausgeglichene Mischung aus Mutter/Tochter bzw. Vater/Beschützer Beziehung deckt darüber hinaus seine inzestuösen Wünsche auf, die, wie wir durch die Sitzung in Erfahrung bringen konnten, zu einem großen Teil durch die Mutter befriedigt wurden.

Abschließend bleibt zu erwähnen, dass wir hier nicht mit einem Einzelfall konfrontiert sind. Im Gegenteil haben wir hier einen beispielhaften Fall für Wahnvorstellungen bedingt durch unsere heutige Gesellschaft. Dem Patienten ist es in seiner Traumwelt verhasst, zu lange in einer Stadt zu verweilen. Er zieht Dörfer und kleine Weiler vor, ist aber mit seiner Begleiterin auf einer andauernden Reise, die wohl kein Ziel hat. Seine umfassenden Literaturkenntnisse haben diese Psychose mit höchster Wahrscheinlichkeit auf diese Art geformt. Es bleibt zu hoffen, dass wir in den folgenden Sitzung weitere „Verankerungen“ in der realen Welt finden, mit denen wir den Patienten wieder zurückführen können.

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